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Phasen der Trauer

"Der Trauerprozess durchläuft verschiedene Phasen und ist mit dem kindlichen Entwicklungs- und Lernprozess vergleichbar, in dessen einzelnen Phasen (oder Stufen) bestimmte Entwicklungsaufgaben positiv bewältigt werden müssen, um eine nächsthöhere Stufe zu erreichen. In jeder dieser Phasen, auch in denen der Trauer, verändert sich das kindliche Denken, Fühlen und Erleben." (Franz, 2002, S. 89)

Der Psychologe JAMES WILLIAM WORDEN teilt diese Phasen in vier Teile und nennt sie die "Aufgaben des Trauerns".

Die erste Aufgabe der Trauer: Die Realität anerkennen

"In der ersten Phase muss das Kind dahin kommen, den Tod zu akzeptieren und zu begreifen. Die Akzeptanz der Realität ist die wichtigste Voraussetzung zur Trauer und somit der erste Schritt in der Verlustverarbeitung." (Franz, 2002, S.90)

Verleugnung

Nach dem Verlust eines nahe stehenden Menschen wird das Kind die mit dem Tod verbundenen Geschehnisse auf unterschiedlichste Art verleugnen. Es reagiert auf sinnlose Weise um nicht daran denken zu müssen und die damit verbundenen Gefühle nicht zu spüren. Verdrängung, Abwehr und Verleugnung sind selbstschützende Lebens- und Überlebensprinzipien und Versuche, etwas Schreckliches von sich fern zu halten oder zu verringern.

Gefühlsschock

Manche Kinder geraten durch den Schmerz über einen Todesfall in eine Art Schockzustand, in dem sie benommen, betäubt, starr, teilnahmslos oder unbeteiligt wirken. Diese Schockreaktion darf nicht mit Desinteresse oder Gleichgültigkeit verwechselt werden, da sie auf die momentane Gefühlslage des Kindes hinweist. Diese ist für das Kind derart schmerzhaft, dass es sich vor der Wirklichkeit schützen muss.

Schonprogramm

Oft kommt es vor, dass aufgeweckte, lebhafte Kinder plötzlich sehr unauffällig werden, indem sie sich zurück ziehen, still werden oder versuchen keinen Ärger zu machen. Sie zeigen sehr viel Rücksicht und Verständnis für die Situation und wirken äußerlich betrachtet hilfsbereit, brav, vernünftig, lieb oder angepasst. Dies ist ein Zeichen, dass sie die Liebe, Zuneigung oder Fürsorge einer engen Bezugsperson nicht gefährden möchten oder Angst haben, weiter Veränderungen heraufzubeschwören. Man muss daher sehr aufpassen, nicht zu übersehen, dass das Kind innerlich zutiefst berührt, erschüttert und aufgebracht ist.

Empfindungslosigkeit

Viele Kinder gehen, nachdem sie eine Todesmitteilung erhalten haben, sofort wieder zur Tagesordnung über. Oft reagieren sie dabei auf Schreckensmeldungen mit völlig anderen Fragen, als man erwartet hätte. Solche nüchternen Aussagen, wie zum Beispiel "Darf ich trotzdem spielen gehen?", bedeuten keinesfalls, dass die Kinder die Geschehnisse verstanden und akzeptiert haben. Dies bedeutet nur, dass die Kinder Normalität und Kontinuität brauchen. Ermahnungen oder Vorwürfe sind in diesem Fall deshalb nicht angebracht, da sie nur Schuldgefühle hervorrufen würden. (vgl. Franz, 2002, S. 90ff)

Die zweite Aufgabe der Trauer: Den Abschiedsschmerz durchleben

"In der zweiten Phase muss das Kind die Erfahrung des Todes vor allem gefühlsmäßig durchleben. Auf diesem Weg brechen oftmals gegensätzliche Gefühle aus dem Kind hervor. Wenn sich die Abwehrhaltung des Kindes insoweit verändert hat, dass es auch den Schmerz und die Trauer über den Verlust zulassen kann, hat es diese "Traueraufgabe" positiv bewältigt." (Franz, 2002, S. 92)

Enttäuschung

Da das Kind den Verstorbenen noch immer liebt und weiterhin Gefühle in diese Beziehung steckt, fühlt es sich vom Verstorbenen betrogen, verlassen, verraten und im Stich gelassen. Die Enttäuschung ist umso größer, je mehr Gefühle das Kind in die nicht mehr vorhandene Beziehung steckt. Da dem Kind ein Teil der Liebe fehlt, die es bisher bekommen hat, hinterlässt der Tod eine Lücke in der Selbstwahrnehmung des Kindes, so als ob ein Stück der eigenen Persönlichkeit verloren gegangen sei.

Gefühlsausbrüche

Nach der anfänglichen Verleugnung, brechen jetzt die verschiedensten Gefühle aus dem Kind heraus. Wut, Zorn, Trauer, Angst, Hass, Schmerz, Ohnmacht, Enttäuschung, Sehnsucht,... sind lebendige, gesunde Zeichen dafür, dass die Kraft jetzt nicht mehr verwendet wird um alle Gefühle zu verdrängen. Durch solche Gefühle fühlt man sich innerlich zerrissen und die Situation ist schwer zu ertragen. Da das kindliche Verhalten noch unreflektiert ist, kann es sich nur schwer von seinen Gefühlen distanzieren und ist ihnen deshalb schutzlos ausgeliefert.

Aggressive Verhaltensweisen

Trauernde Kinder machen oft mit aggressiven Verhaltensweisen wie Schlagen, Kratzen, Spucken, Beißen,... auf sich aufmerksam. Diese Verhaltensweisen sind oft ein Hinweis darauf, wie unglücklich sie sind und wie große Schmerzen sie haben. Emotionen wie Hass und Wut sind deshalb oft Schutzreaktionen gegen Gefühle wie Sehnsucht und Liebe und sind ein Ausdruck dessen, wie ausgeliefert und hilflos sich ein Kind gegenüber dem Tod fühlt. Das Kind versucht, andere mit seiner Wut zu bestrafen, damit es sich selbst mächtig und stark fühlt. Um dem Kind zu helfen, muss man Verständnis für seine Gefühlslage zeigen und sich bemühen Zugang zu ihm zu finden. Dies bedeutet nicht, sein Verhalten gutzuheißen, es heißt jedoch, es nicht sofort zu bestrafen. Es gibt viele Möglichkeiten, gegen wen sich die kindliche Aggression richten kann, wie zum Beispiel gegen den Toten selbst, gegen die eigene Person, Menschen, Tiere, Dinge oder Gott. Um dem Kind seine Aggressionen zu nehmen, muss man dem Kind helfen, da es sonst in seinen Gefühlen verstrickt, befangen und gefangen bleibt. In diesem Fall benötigt das Kind therapeutische Hilfe. (vgl. Franz, 2002, S. 92ff)

Die dritte Aufgabe der Trauer: Verinnerlichen dessen, was war

"In der dritten Aufgabe muss sich das Kind mit dem Verstorbenen auseinandersetzen. Diese Zeit wird als besonders anstrengend erlebt, da sich Gefühle von tiefer Sehnsucht mit heftigem Abschiedsschmerz abwechseln." (Franz, 2002, S 96)

Suchen: Der Wunsch nach Verschmelzung

Das Kind sucht nun oft nach dem Verstorbenen an Orten, wo er zu Lebzeiten anzutreffen war, da es den tiefen Wunsch verspürt, mit ihm in Verbindung zu treten. Unbewusst erhofft es sich, zu seinen Gewohnheiten zurückzufinden, was ihn lebensnah und echt erscheinen lässt. In dieser Zeit erzählen Kinder oft, dass sie den Verstorbenen gesehen oder mit ihm telefoniert haben. Diese intensiven Suchbewegungen führen zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit dem Verstorbenen und somit zu einem Begreifen des Todes. Auf keinen Fall darf das Kind in dieser Zeit auf Grund seiner Tagträume oder Fantasien ermahnt werden, da sie der Ausdruck einer emotional äußerst intensiven Beschäftigung mit dem Toten sind.

Idealisierung des Verstorbenen

In der vorigen Phase hat das Kind den Verstorbenen vermehrt entwertet und herabgesetzt. Nun schlägt sich das Verhalten des Kindes in das Gegenteil um, da es die Fähigkeiten des Toten überschätzt und ihm eine wichtigere Bedeutung oder einen höheren Stellenwert gibt, als er zu Lebzeiten hatte. Diese überhöhte Identifizierung kann sich dadurch zeigen, dass das trauernde Kind Verhaltensweisen übernimmt, die für den Verstorbenen typisch waren, da es ihm durch diese seelische Bindung leichter fällt, den Toten in zunächst lebendiger Erinnerung zu behalten.

Finden: Die Auffrischung alter Erinnerungen

Trauernde Kinder entwickeln ein Suchbedürfnis nach dem Verstorbenen, indem sie vertraute Orte aufsuchen oder immer wieder Fotos betrachten. Dabei bieten sich zahlreiche Gelegenheiten, mit ihnen über den Toten, die Geschehnisse und die Gefühle zu reden. Oft ist es hilfreich für Kinder, Unklarheiten zu klären, Schuldgefühle auszusprechen oder Kränkungen mitzuteilen. Für Kinder haben die Besitztümer des Verstorbenen eine ganz besondere Rolle, da sie greifbare Überbleibsel und kostbare Zeugnisse seines Lebens sind.

Trennen: Verinnerlichen dessen, was war

Die Stufen des Suchens und Findens ermöglichen dem Kind sich mit dem Verstorbenen zu identifizieren und auseinander zu setzen. Das Kind entwirft somit ein innerliches Bild und kann sich so vom äußeren Bild des Verstorbenen trennen. Somit wird das Wesentliche des Verstorbenen verinnerlicht und eine Befreiung aus der belastenden, emotionalen Befangenheit gelingt. Der Verstorbene verliert somit seine allgegenwärtige Präsenz im Leben des Kindes und es kann nun in sich finden, was es mit dem Verstorbenen in Verbindung bringt. Es ist ihnen nun möglich, die Spuren, die der Verstorbene in ihrem Herzen hinterlassen hat zu sehen. Beispielweise sind das Einstellungen, Vorlieben, Werthaltungen, Eigenschaften, Fähigkeiten, sowie Neigungen oder Abneigungen, die im Kind nun weiterleben und somit die Erinnerungen an den Verstorbenen lebendig halten.

Die Phase der Regression

Nach einiger Zeit reagieren die Kinder auf diese emotionale Anstrengung und Anspannung mit Erschöpfung, Niedergeschlagenheit oder Rückzug. Ihre Aktivitäten verringern sich und sie ziehen sich in eine innere, stille Welt zurück. Sie verlassen kaum noch das Haus, treffen keine Freunde mehr oder haben keine Freude mehr an ihren Lieblingsbeschäftigungen. Bei manchen Kindern kann es auch zu einer Regression kommen, was ein Rückfall in eine frühere Entwicklungsstufe bedeutet. Das Kind entwickelt das unbewusste Bedürfnis, in eine Zeit zurückzukehren, wo das Leben noch unbelastet war und es die Welt noch als heil empfunden hat. Wenn sich Kinder durch einen Todesfall vernachlässigt fühlen, schlüpfen sie oft in die Rolle des "Sorgenkindes" um Aufmerksamkeit zu erregen. Oft benötigt das Kind all seine Kräfte um die Trauer zu bewältigen, so dass es an seine psychischen und physischen Grenzen gerät und so die zuletzt erlernte Fähigkeit wieder verlernt. Wenn diese Rückschritte nur vorübergehend sind, sind sie durchaus hilfreich, da sie dem Kind bei der Kräftigung und Stabilisierung helfen. Sollte diese Phase der Regression aber länger anhalten, kann es sein, dass das Kind professionelle Hilfe benötigt. (vgl. Franz, 2002, S. 96ff)

Die vierte Aufgabe der Trauer: Eine neue Identität entwickeln

"In der vierten Phase wendet sich das Kind von der Vergangenheit ab, um sich neu zu orientieren. Es kommt dahin, den Tod zu akzeptieren, wobei es durchaus Unterschiede zwischen dem kognitiven und dem emotionalen Begreifen geben kann." (Franz, 2002, S. 99)

Loslassen: Das Bedürfnis nach neuen Bindungen

Das Kind hat nun den Wunsch, zu seinem Leben zurückzukehren, da die Gefühle die es dem Verstorbenen entgegenbringt, unerwidert bleiben und sie ihm keine dauerhafte, ausreichende Befriedigung verschaffen. Das Kind hat wieder Sehnsucht nach echter, lebendiger Zuwendung. Sobald es dann anderen Menschen sein Vertrauen schenken kann, nähert es sich dem Ende der Trauerarbeit, da das Kind innerlich soweit gereift und gestärkt ist, um sein Bedürfnis nach neuen Bindungen zu stillen. Das Kind spürt Lebensfreude, da die Erinnerungen des Verstorbenen keine schmerzhaften Gefühle mehr auslösen. Sie sind zu einem bedeutsamen Teil des Lebens geworden. Nun können aber immer noch Phasen auftreten, wo die Trauer wieder aufbricht und das Kind in ein früheres Stadium zurückfällt.

Neuer Lebensbezug

Oft wird durch diese Grenzerfahrung die kindliche Illusion der Unsterblichkeit zerstört, da das Kind erahnt, dass es selbst auch sterben kann. Der Verlust verändert das Selbstverständnis zum Leben und lässt es kostbarer erscheinen. Dieser neue Selbst- und Lebensbezug ist ein Gewinn für das Kind, da es auf diese Weise Reife erlangt. Es hat eine wertvolle Lebenserfahrung in seine Persönlichkeit und in sein Leben integriert. (vgl. Franz, 2002, S. 99f)