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Wenn ein Geschwisterchen stirbt

"Immer dort, wo Kinder sterben, werden Stein und Stern und so viele Träume heimatlos." (Nelly Sachs) (Ennulat, 2003, S. 92)

Stirbt ein Kind, so wird die gesamte Weltordnung auf den Kopf gestellt. Es entspricht nicht unserer normalen Vorstellung, dass ein Kind vor den Eltern stirbt und ist daher für die Eltern die schwerste, radikalste und brutalste Erfahrung überhaupt. Dieses Ereignis begleitet sie ein Leben lang, da sie mit der Trauer leben lernen und dem verstorbenen Kind einen besonderen Platz in der Familie und in ihrem Herzen geben. Diesen besonderen Bereich füllt es vollständig aus und somit hat hier keines der lebenden Kinder mehr Platz.

Die überlebenden Geschwister fühlen sich bald unbeachtet, ungeliebt, überflüssig, allein gelassen und einsam, da sie niemanden zum Reden haben, der sich für sie Zeit nimmt und ihnen hilft, mit ihrem Kummer fertig zu werden. Geschwisterkinder erleben somit eine doppelte Verlusterfahrung, da sie nicht nur Schwester oder Bruder verloren haben, sondern auch die Eltern und deren Zuwendung und Liebe. Eltern und Kinder können dadurch zu Fremden werden, wodurch das gesamte Familienleben zerbrechen kann. Es ist daher besonders wichtig, dass Eltern, sowie Kinder in dieser Zeit Hilfe bekommen, da sie sich gegenseitig, auf Grund ihrer verschiedenen Trauerbedürfnisse nicht unterstützen können. Besonders schwierig ist es, wenn ein Kind als Folge einer langen, schweren Krankheit stirbt, da die überlebenden Kinder im ersten Moment sehr froh sind. Schließlich haben sie sehr lange auf die Aufmerksamkeit und Zuwendung ihrer Eltern verzichten müssen, weil diese all ihre Liebe dem todkranken Kind geschenkt haben. Während der Krankheit mussten die Kinder ständig Rücksicht nehmen, vernünftig sein oder Dankbarkeit empfinden, dass sie gesund sind, was in den meisten Fällen dazu führt, dass sich das Kind wünscht, auch krank zu sein, mit dem Geschwisterchen tauschen zu können oder, dass das kranke Geschwisterchen stirbt. Oft sind psychosomatische Störungen oder auffällige Verhaltensweisen in dieser Zeit ein Versuch, Aufmerksamkeit zu bekommen. Nach dem Tod werden die überlebenden Geschwister von sehr unterschiedlichen Gefühlen geplagt, da sie einerseits traurig sind, andererseits aber Angst haben, noch jemanden an dieser oder einer anderen schweren Krankheit zu verlieren.

Die anfängliche Freude, die ein Kind fühlt, wenn ein krankes Geschwisterchen stirbt, schlägt bald um in Scham, Schuld, Verzweiflung und Enttäuschung. Auf Grund dieser Gefühle entwickelt das Kind dann einen Hass auf den Verstorbenen, da es sich schuldig fühlt, da der Verstorbene nun nicht mehr da ist. Oft werden Kinder dann von großen Schuldgefühlen geplagt, da sie das Gefühl haben, zu "Unrecht auf der Welt" zu sein. Diese Gefühle werden bestärkt, wenn die Eltern dem Kind in dieser Zeit keine Aufmerksamkeit schenken können, da sie mit ihrer eigenen Trauer beschäftigt sind. Auch neigen Eltern dazu, das verstorbene Kind zu idealisieren und immer wieder zu erzählen wie gut, lieb oder brav das Geschwisterchen war. Dies ist nur sehr schwer für die Kinder zu ertragen, da sie sich verletzt und gekränkt fühlen. Sie fühlen sich dadurch minderwertig, schlechter, abgelehnt und stellen die Liebe der Eltern in Frage. Oft treten dabei Gedanken auf, dass es den Eltern lieber wäre, wenn sie gestorben wären. Dabei entwickeln Kinder oft den Wunsch, selbst zu sterben, damit sie von den Eltern dieselbe Zuwendung und Liebe erhalten. Diese heimlichen Suizidgedanken sind unbedingt zu berücksichtigen und ernst zu nehmen, indem man professionelle Hilfe einschaltet.

Manche Kinder versuchen auch, das verstorbene Kind zu ersetzen, indem sie in dessen Rolle schlüpfen. Sie versuchen, sein Verhalten und seine Gewohnheiten zu übernehmen um die Eltern zu trösten und den früheren Familienzustand wieder herzustellen. Dies kann zu großen Problemen in der Entwicklung und in der Identitätsfindung führen, da der Tod nicht akzeptiert wird, wenn das Kind in einem anderen "weiterlebt". Die entstandene Lücke kann nur wieder geschlossen werden, wenn der Verlust von allen gelebt wird und deshalb muss der Platz des Verstorbenen unbedingt frei bleiben. Durch den Tod eines Bruders oder einer Schwester verliert das Kind einen ganz wichtigen Menschen, mit dem es viel geteilt hat. Die nun entstandene Lücke in der Geschwisterfolge ist durcheinander geraten und muss sich erst wieder finden. Schwierig wird es für Kinder, zu begreifen, dass sie plötzlich Einzelkind sind, das Älteste, oder das Jüngste.

Für Kinder, die so einen schweren Verlust erlitten haben, ist es unbedingt notwendig, dass sie jemanden haben, der ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt, zu dem sie Vertrauen haben und der in dieser Zeit für sie da ist. Da die Eltern aber zu dieser Zeit nicht in der Lage sind, braucht das Kind jemand anderen, der ihm die Liebe schenkt, die es braucht. (vgl. Franz, 2002, S. 116ff)