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Sozial-Kognitive Lerntheorie nach Albert Bandura

"Bandura entwickelte in den sechziger Jahren eines der wichtigsten Konzepte der Sozialpsychologie dieses Jahrhunderts: die Theorie des sozialen Modell-Lernens, nach der jegliches Verhalten als Folge von Nachahmung  und Belohnung  erlernt wird" (Huber 1995, S.37).

Vom Lernen am Modell spricht Bandura dann, wenn sich bei einem Menschen eine relativ überdauernde Veränderung seines Verhaltens als Folge der Beobachtung eines Modells einstellt.

Lernen am Erfolg bedeutet, dass ein Verhalten wiederholt wird, das aus der Sicht des handelnden zu einem Erfolg geführt hat. Rückfälle oder Mißerfolge in der Anwendung einer Verhaltensweise sind dann unwesentlich, wenn das Verhalten zumindest ab und zu erfolgreich ist,  wodurch die Sinnhaftigkeit von Strafen widerlegt wird. Diese zeigen geringe Wirkung, wenn sie nicht konsequent erfolgen und das Verhalten daher sonst aber zum gewünschten Ziel führt (vgl. Huber 1995, S.38/ 39).

 

Der Aufbau von aggressiven Verhaltensweisen hängt nicht nur von direkter Erfahrung ab, sondern erfolgt auch durch die Imitation von Personen, die Modelle bieten. Imitation und Identifikation finden immer dann statt, wo eine andere Person als Vorbild auftritt.

Auch hier muss der Bereich der Verstärkung miteinbezogen werden, da das Kind beispielsweise auch nichterwünschte Verhaltensweisen imitiert, wenn dieses durch eine entsprechende Reaktion verstärkt wurden.

 

Aggressive Verhaltensweisen werden erlernt und beibehalten, da sie positive Folgen für den Aggressor haben:

  • das Selbstwertgefühl steigt
  • ein innerer Konflikt zwischen aggressiver und nichtaggressiver Verhaltenstendenzen ist vorerst beendet
  • aggressive Vergeltung schafft einen scheinbar gerechten Ausgleich (vgl. Huber 1995, S.39)

 

Bandura unterscheidet 4 Effekte des Modell-Lernens:

 

Modellierende Effekte

Das Kind eignet sich durch das Vorbild bisher unbekannte Verhaltensweisen, aber auch Einstellungen gegenüber Personen und Objekten, sowie Vorurteile, Bedürfnisse, Gefühle u.v.m. an.

Beispiel: Das Kind baut Vorurteile gegenüber Ausländern durch entsprechende

Gespräche innerhalb der Familie auf.

Auch politische Gesinnung basiert häufig auf diesem Effekt.

 

Enthemmende Effekte

Sieht das Kind, dass auf eine Verhaltensweise keine negative Reaktion erfolgt oder diese sogar belohnt wird, setzt dies die Hemmschwelle, ein ähnliches Verhalten zu zeigen, entscheidend herab.

Beispiel: Der Held eines Films erreicht durch Waffengewalt sein Ziel und erfährt

Anerkennung durch Beteiligte.

 

Hemmende Effekte

Hemmend wirkt ein Verhalten dann, wenn es negative Konsequenzen nach sich zieht, wodurch  die Bereitschaft zur Imitation sinkt.

Beispiel: Der Vandalakt eines Jugendlichen, der innerhalb der Gruppe anerkannt wird,

endet in einer Gerichtsverhandlung und einer rechtlichen Strafe.

Auslösende Effekte:

Durch das Verhalten eines Modells wird der einzelne veranlasst, dieses Verhalten unmittelbar nachzuahmen.

Beispiel: Bei einem Lokalbesuch beginnt einer der Gruppe eine Rauferei, im Laufe des Geschehens kommt es zu einer Massenschlägerei.

 

Bedingungen für das Lernen am Modell:

Würde der Mensch seine Modelle bewusst auswählen, wäre es sehr einfach, auch anhand dieser Theorie Lösungswege für das Aggressionsphänomen zu entwickeln. Jedoch ist das Modell-Lernen ebenfalls an vielschichtige Faktoren gebunden, die letztendlich darüber entscheiden, welches Modell nachahmenswert erscheint.

 

Persönlichkeitsmerkmale des Modells
  • Menschen, die soziale Macht besitzen, also belohnen und bestrafen können
  • Menschen mit hohem Ansehen
  • Menschen, die sympathisch und attraktiv sind, wobei dies im Geschlecht, Alter oder in der Herkunft begründet liegen kann
  • Menschen, die individuelle Bedürfnisse ansprechen oder zufriedenstellen können

  Persönlichkeitsmerkmale des Beobachters

  • Fehlendes Selbstvertrauen und geringe Selbstachtung begünstigen die Aufmerksamkeit einem Modell gegenüber
  • Erfahrungen, Wertvorstellungen
  • Bedürfnisse, Gefühle und Stimmungen

  Beziehung zwischen Modell und Beobachter:

  • die Nachahmungsbereitschaft wird begünstigt durch eine positive emotionale Beziehung zwischen Modell und Beobachter
  • weitere Bedeutung kommt der Abhängigkeit des Beobachters vom Modell zu

Situationsbedingungen:
  • die Wahrnehmung ist immer in eine soziale Situation eingebunden
  • sie ist beeinflusst durch die emotionale Befindlichkeit des Beobachters (z.B. Angst, Frustration, Motivation, Freude,..)

Die Bedeutung der sozial-kognitiven Lerntheorie in der Erziehung:

Das Kind ist während seiner Entwicklung ständig von potenziellen Modellen umgeben. Dieser Einflußbereich darf nicht unterschätzt werden. Selbst ein  scheinbar intaktes Elternhaus wird nicht die Voraussetzung sein können, dass das Kind nur Modelle imitiert, die "positive" Verhaltensweisen  zeigen. In der Heimerziehung kommt die Tatsache hinzu, dass wir viele Bereiche der Entwicklungsgeschichte eines Kindes nur aus Berichten kennen. Viele feine Nuancen im Verhalten eines Kindes können dadurch nicht ihrem Sinn nach gedeutet werden.

Gleichzeitig muss der SP bewusst sein, dass auch ihr Verhalten durch Modelle geprägt ist. Haltungen, Einstellungen, Werte, Normen, sowie das Kommunikations- und Konfliktverhalten müssen daher dahingehend reflektiert werden.

Um das Kind beim Abbau aggressiver Verhaltensweisen zu unterstützen bietet diese Lerntheorie einige Möglichkeiten der praktischen Umsetzbarkeit:

 

§ Beobachtungsmöglichkeiten schaffen

Das Kind soll die Möglichkeit haben, Modelle zu beobachten, die erwünschte Verhaltensweisen zeigen.

 

Beispiel: Heimsituation

Das Kind nimmt stets die Stimmung innerhalb des Teams wahr. Kommt es hier zu verdeckten Aggressionen (übler Nachrede, Mobbing), schafft dies eine negative Modellsituation.

Positiv kann sein: Das Kind erlebt, wie Konflikte innerhalb des Teams offen ausgetragen werden, wodurch sich konstruktive Lösungsmöglichkeiten ergeben, hinter denen alle Teammitglieder stehen können. Dies erleichtert ihm die Entwicklung eigener positiver Konfliktlösungsstrategien.

§ Aufbau einer positiven Beziehung

Ein positives emotionales Klima trägt einerseits dazu bei, dass die Bereitschaft, neue Verhaltensweisen zu entwickeln, steigt. Andererseits begünstigt diese wertschätzende, einfühlsame Haltung der SP die Modellwirkung auf das einzelne Kind.

 

§ Erwünschtes Verhalten bekräftigen

Um zu erkennen, welche Verhaltensweisen angemessen sind, müssen diese entsprechend hervorgehoben werden. In der Beobachtung fällt auf, dass der Mensch eher dazu neigt, Negatives zu sehen, als Positives zu bekräftigen. Verhaltensaspekte, die anerkannt werden sollten, werden als selbstverständliche Handlungsmuster betrachtet und scheinbar übersehen. So wird dem Kind die Möglichkeit genommen, positives Verhalten auch als solches wahrzunehmen.

Beispiele:

a)  Streiten zwei Kinder um Spielzeug, reagiert die SP auf die negative Verhaltensweise - ein Kind schlägt das andere, ohne, dass dieses zurückschlägt - und schreitet ein. Das aggressive Verhalten wird thematisiert, unbeachtet bleibt das Verhalten des Kindes, das nicht zurückgeschlagen hat.

b)  Bei einer Gruppenarbeit wird  nicht hervorgehoben, wie konstruktiv ein Konfliktgespräch verlaufen ist, wodurch es zu einem erfolgreichen Ergebnis kommen konnte.

Einzelne Beteiligte können das positive Handlungsmuster nicht verinnerlichen, da sie als solches nicht erkannt haben.

 

§       Reflexion des Modellverhaltens

Die SP muss sich ihrer Modellwirkung ständig bewusst sein. Dies bedeutet auch, dass sie nur jene Verhaltensweisen vom Kind fordern kann, die sie selbst auch zeigt.

Diese pädagogische Grundhaltung der Echtheit beinhaltet nicht nur die Modellwirkung in Bezug auf nicht-aggressives Verhalten.

Alle Bereiche des Alltags  und Zusammenlebens  müssen miteinbezogen werden, da sie der situative Nährboden für das Entstehen von Aggression sein können. Für das Kind muss transparent werden, weshalb eine Verhaltensweise erwünscht oder unerwünscht ist.

Beispiele:

a) Die SP fordert, dass das Kind sein Zimmer aufräumt. Nach mehrmaliger

           Ermahnung reagiert das Kind in aggressiver Weise und beginnt, laut zu

           schimpfen.

           Anmerkung: Im Dienstzimmer herrscht ständige Unordnung.

b) Es gibt ständige Auseinandersetzungen, weil die Kinder mit

       Schuhen die Wohnräume betreten. Die SP tragen selbst jedoch auch keine

Hausschuhe, wodurch die Transparenz der Forderung für das Kind nicht ge-     geben ist.

 

§       Auswahl geeigneter Modelle

Für die Entwicklung bestimmter Verhaltensweisen erscheint es durchaus sinnvoll, andere potenzielle Modelle miteinzubeziehen. Dies können Personen sein, aber auch symbolische Modelle eignen sich zur Identifikation. Besondere Bedeutung kommt dem Kinder- und Jugendbuch zu, durch dessen gezielten Einsatz erwünschte Verhaltensweisen besprochen und verinnerlicht werden können.

Weitere Beispiele:

a) der ErlebnispädagogIn wird bei einer gruppenpädagogischen Aktion zum Modell im Umgang mit Konfliktsituationen und ermöglicht durch Reflexionsgespräche den Transfer in die Alltagssituation.

b) gezielter Einsatz von Videos zur Erarbeitung eines Themas - fördert die Erweiterung der Sichtweisen, den Abbau von Vorurteilen, indem sich die BeobachterIn mit handelnden Personen identifiziert und in deren Rolle hineinversetzt.

 

§       Gestaltung der Umwelt

Durch die Tatsache, dass die SP (Eltern oder andere Personen in Erziehungsfunktion) für das Kind nicht die einzige Möglichkeit darstellen, am Modell zu lernen, ergibt sich die Notwendigkeit, den Blick nach außen zu wenden. Das Leben des Kindes findet nicht ausschließlich im Wohnbereich statt. Viele andere Einflüsse prägen die Entwicklungsgeschichte und somit den Aufbau von unterschiedlichsten Verhaltensweisen.

Das Kind muss den Anforderungen verschiedenster Rollen gerecht werden, sucht und findet für jede Rolle vielleicht auch ein subjektiv nachahmenswertes Modell. Welche Verhaltensweisen es entwickelt, hängt wiederum von der individuellen Situation des Kindes ab, sowie von den bereits genannten Bedingungen für das Lernen am Modell.

      Auch hier ein Beispiel:

Ein Kind, das ein geringes Selbstwertgefühl aufweist, imitiert aggressive Verhal-       tensweisen (z.B. Modell eines Filmhelden) um innerhalb der peer-group anerkannt  und geachtet zu werden.

Dasselbe Kind könnte, sofern seine Umwelt entsprechend gestaltet wurde, zu sportlichen Leistungen angeregt werden, wenn ein Modell vorhanden ist, das es nachahmen will.

Daraus geht hervor, dass Bedingungsfelder für aggressive Verhaltensweisen (in diesem Fall geringes Selbstwertgefühl) durch die Auswahl von Modellen beeinflusst werden können. Anhand dieses Beispiels wird jedoch sichtbar, dass den Möglichkeiten gleichzeitig Grenzen gesetzt sind. Um aggressive Ausdrucksformen zu verstehen, muss die Motivation des Kindes zur Aggressivität erkannt werden. Ist das Motiv des Kindes die Suche nach Anerkennung innerhalb der Gruppe, wird es möglicherweise trotzdem ein aggressives Modell imitieren um seinen Platz in der peer-group zu erhalten. Liegt die Motivation eher darin, das Selbstwertgefühl zu stärken, wird es sportliche Leistung erstrebenswert erachten. Es kann aber auch ein Zusammenhang zwischen beiden Motiven bestehen, der sich dahingehend äußern  wird, dass das Kind das positive Modell nur dann imitiert, wenn es dadurch gleichzeitig Anerkennung durch die peer-group erfährt.

Immer wieder möchte ich darauf hinweisen, dass stets die Notwendigkeit einer systemischen Sichtweise besteht, wenn wir in der Praxis auf das Phänomen der Aggression treffen.