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Mit vier Ohren hören

So wie - bildlich gesprochen - der Sender mit vier Mündern bzw. vier Zungen sprechen kann, so kann in Analogie dazu der Empfänger auch mit vier Ohren hören. Für jede Seite, jeden Aspekt einer Äußerung (Nachricht) gibt es ein zugehöriges Ohr, einen entsprechenden Empfangskanal. Je nachdem, welches Ohr gerade besonders auf Empfang geschaltet ist (ob nun bewusst oder un­bewusst), wird das Gespräch einen sehr unterschiedlichen Verlauf nehmen. Und hierin, also in der Tatsache, dass der Empfänger frei wählen kann, mit welchen Ohr er die gesendete Nachricht aufnehmen möchte, und im Umstand, dass bei vielen Menschen ein Ohr auf Kosten der anderen besonders gut ausgebildet ist, liegt auch die große Schwierigkeit in der zwischen­mensch­lichen Kommunikation. (vgl. ebd., S. 44ff)

Sach-Ohr

Höre ich hauptsächlich mit diesem Ohr, stellt sich die Frage: "Wie ist der Sachverhalt zu verstehen? Was ist Sache? Worum geht es konkret?"
Besonders verhängnisvoll kann das Hören mit dem "Sach-Ohr" werden, wenn das eigentliche Problem zwischen den Kommunikationspartnern nicht in der sachlichen Differenz, sondern auf der zwischenmenschlichen Be­zie­hungsebene liegt. (vgl. ebd., S. 47)

Selbstkundgabe-Ohr

Ist dieses Ohr besonders auf Empfang geschaltet, fragt es: "Was ist das für eine(r)? Wen habe ich da vor mir?"  
Schwierigkeiten, die durch übermäßiges Zuhören mit dem "Selbstkundgabe-Ohr" erwachsen könnte, wären das Immunisieren und das Psycho­logisieren.
Ich könnte als Empfänger bei einer - vielleicht durchaus berechtigt ge­äußerten - Kritik z.B. schlussfolgern, dass der andere diese nur aus einer Situation heraus anbringt, die eher ihn als mich betrifft. So ist es möglich, sich gegen jegliche Kritik von außen abzuschotten, dafür immun zu werden, zu immunisieren.

Psychologisiere ich hingegen, antworte ich auf die Äußerung des Senders so, dass ich mich der eigentlichen Sachebene entziehe und auf angebliche psychologische Motivationen des anderen reagiere (z.B. "Das sagst du jetzt nur, weil du ..." oder "So einer bist du also!").  
Das Hören mit dem "Selbstkundgabe-Ohr" birgt aber auch eine große Chance in sich, nämlich das aktive Zu­hören (wird noch näher unter Punkt 1.3.3 behandelt), also kurz gesagt das Hören zwischen den Zeilen, das Wahrnehmen all der analogen Anteile einer Botschaft. In Situationen, wo ge­fühls­mäßige Ausbrüche, Anklagen und Vorwürfe unserer Kommuni­ka­tions­­part­ner im Vordergrund stehen, sollten wir verstärkt mit dem Selbst­kund­gabe-Ohr empfangen. (vgl. ebd, S. 54ff)

Beziehungs-Ohr

"Wie redet der (die) eigentlich mit mir? Wen glaubt er (sie) vor sich zu haben? Wie fühle ich mich behandelt durch die Art, wie du mit mir sprichst?" Das sind Fragestellungen, die das "Beziehungs-Ohr" in hohem Maße interessieren. Hier geht es um den Komplex des Zwischen­menschlichen, also um die Beziehungsebene.       
Wenn jemand auf diesem Ohr besonders sensibel ist, liegt er gewissermaßen auf der "Beziehungs­lauer", d.h. er analysiert die Nachricht auf mögliche darin enthaltene Komponenten des gemeinsamen Be­ziehungs­gefüges und bewertet sie. Dass ein überempfindliches "Beziehungs-Ohr" einer konstruktiven Kommunikation nicht gerade zuträglich ist, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung. (vgl. ebd., S. 51)

Appell-Ohr

Eine Person mit einem ausgeprägten "Appell-Ohr" fragt sich vordringlich "Was soll ich tun, denken, fühlen ... aufgrund dieser Mitteilung? Was wird von mir erwartet?". Sie versucht es häufig allen recht zu machen und lacht beispielsweise bei Witzen, die sie gar nicht komisch findet, nur weil sie dem Appell des Witzeerzählers (= Sender) nachkommen will.
Bei Müttern ist gut beobachtbar, dass sie häufig mit dem "Appellohr" hören und dazu neigen, auf unausgesprochene Winke in Äußerungen des Kindes zu reagieren, ohne dass explizit eine Aufforderung ausgesprochen wurde. Das kann insofern problematisch werden, wenn daraus eine Persönlichkeit entsteht, die gleichsam nur noch "Appell-Ohr-konditioniert" und schnell­schuss­artig reagiert, ohne Rücksicht auf eventuelle eigene Interessen und Bedürfnisse. Statt dessen sollten Reaktionen möglich sein, die nicht nur außen- bzw. fremd-, sondern auch innen- und selbstgeleitet sind, ge­wisser­maßen versehen mit dem ganzen Gewicht der eigenen Persönlichkeit.        
Zudem kann man aber mit einem überspitzen "Appell-Ohr" alles in einen Funktionalitätsverdacht stellen, z.B. "Der sagt das jetzt nur, weil er dieses oder jenes ... will." (vgl. ebd., S. 58ff)    

 

Wie schon erwähnt, entstehen viele Kon­flikte und Störungen, wenn der Empfänger mit dem falschen Ohr hört. Es ist daher für Kommunikations­partner wichtig, mit dem jeweils richtigen Ohr zu hören und sich zu fragen: "Was steckt eigentlich hinter der Botschaft?"

Versuchen wir, uns dieses Kommunikationsmodell von Schulz von Thun - die vier Seiten einer Nachricht (Äußerung) und mit vier Ohren hören - anhand eines Beispiels noch einmal zusammenfassend zu verdeutlichen. Angenommen ein Lehrer sagt zu einem seiner Schüler: "Das ist heute schon das dritte Mal, dass du die Hausübung vergessen hast!" Folgende Aspekte könnten dabei - ich begnüge mich mit einer grafischen Darstellung, ohne näheren Kommentar - auf Seiten des Senders bzw. Empfängers zu Tage treten.