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Themenzentrierte Interaktion

Die Themenzentrierte Interaktion – kurz TZI genannt – wurde seit Mitte der 50er-Jahre von der Psychoanalytikerin Ruth C. Cohn in den USA entwickelt. Es handelt es sich hierbei um eine "Methode" der Humanistischen Psychologie (vgl. Klein, 1995, S. 86). Wie schon beim Aktiven Zuhören erwähnt (s. 1.4), geht es eigentlich vielmehr um Grundhaltungen denn um eine "Methode". Trotzdem habe ich die TZI unter den methodischen Überlegungen eingereiht, da es mir – im Zusammenhang mit der Beleuchtung unseres Themas – in diesem Ansatz mehr um die Methode geht.

Die Kernidee lautet: Wo immer zwei oder mehrere Menschen miteinander kommunizieren und arbeiten (z.B. in einer Klasse, in einem Team), spielen drei bzw. vier Faktoren, die in einem direkten Zusammenhang zueinander stehen, eine wichtige Rolle: 1. Das Thema oder die Sache, um die es geht, 2. das "Ich", also meine eigene Befindlichkeit, meine Wünsche, Bedürfnisse, Interessen, Anliegen und Erfahrungen etc. 3. das "Wir", die Beziehung, die Umgangsform untereinander und 4. die Rahmenbedingungen, unter denen die Situation statt­fin­det. Nachstehende Grafik (nach Klein, 1995, S. 96) soll das illustrieren.

Das angestrebte Ziel in der TZI lautet, ein "dynamisches Gleichgewicht" der drei Faktoren Thema, Ich und Wir herzustellen – unter angemessener Be­rück­sichtung des Kontexts, den Ruth Cohn "Globe" nennt. Thema, Individuen und die Gruppe treten miteinander in Interaktion, wenn an einem Thema gearbeitet wird. Es lassen sich aber nicht dauerhaft nur thematische Komponenten bearbeiten. Alle drei Größen müssen glei­cher­maßen be­rücksichtigt werden. Sie müssen und können auch nicht zeitgleich "be­ar­bei­tet" werden, aber es gilt, ein dynamisches Gleichgewicht zwischen diesen Kom­ponenten einzurichten. (vgl. Klein, 1995, S. 96ff)

Ruth Cohn entwickelte ihm Rahmen der TZI auch drei Axiome, auf die ich jetzt nicht eingehen möchte und die für meine Überlegungen auch nicht so relevant sind. Neben den Axiomen formulierte sie auch noch verschiedene Postulate (Forderungen), aus denen ich mir nur eines herausgreife, weil es mir wichtig geworden ist. Es lautet vereinfacht: "Störungen haben Vorrang!"

Störungen können in allen drei "Ecken" auftauchen. So könnte z.B. das Thema, die Sache unklar sein, jemand versteht etwas nicht. Denkbar wäre auch, dass ein Schüler (Ich) ein massives persönliches Problem in die Grup­pen­situation mitbringt oder er ungewöhnlich stark von der behandelten The­ma­tik betroffen ist, dass es vonnöten wäre, darauf als Gruppe einzugehen. Und natürlich kann es auch auf der Beziehungsebene (Lehrer – Klasse, Lehrer – bestimmter Schüler, Schüler untereinander) Sand im Getriebe geben, worauf ein­zugehen sinnvoll wäre. Werden solche Störungen und Hindernisse ge­flis­sent­­lich ignoriert, erschweren, behindern und blockieren sie ein kon­struk­ti­ves Mit­einander. Lutz Lehmann, Lehrer an der Realschule Leck in Deutsch­land, be­richtet von einem Stopp-Schild bzw. einem Stopp-Ruf, mit denen er an seiner Schule – der Regel "Störungen haben Vorrang" Rechnung tragend – arbeitet.

"Hierbei handelt es sich um eine Abmachung für den Fall, daß jemand bei Besprechungen oder beim Mitschreiben nicht mitkommt. Das hoch­gehaltene Stopp-Schild oder der Stopp-Ruf einer Schülerin oder eines Schülers veranlasst die Lerngruppe, Rücksicht zu nehmen." (Lehmann, 1997, S. 18)

 

Meine Erfahrung lehrt mich, dass dieses Modell sich – nach meinem Dafür­hal­ten – sehr gut und erfolgreich im Unterricht "anwenden" bzw. leben lässt. Ins­besondere das Eingehen und Behandeln von Störungen, welcher Art auch immer, begünstigen das Kommunikationsklima enorm. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die Störungsbehandlung nur dazu dient, das "dynamische Gleichgewicht" wieder herzustellen und nicht zum Selbstzweck, zur dauernden "Problembeschau" verkommt. Oft erlebe ich solche Klärungssituationen als sehr befruchtende Mög­lichkeiten, weit über das Fachbezogene hinaus Er­fah­rungen und lebensrelevante Einsichten weiterzugeben bzw. auszutauschen – durchaus im Sinne fächer­über­greifenden Unterrichts ("Ausritte" in die Philo­sophie, Religion, Geographie, Geschichte und Anglistik sind keine Seltenheit – die FachkollegInnen bitte ich an dieser Stelle um wohlwollende Nachsicht für allfällige Kompetenzüberschreitungen), wenngleich auch un­ge­plant.